Stille Post.

Wieder Gedanken in meinem Kopf, die nicht mir gehören.
Sie gehören dir, und zugleich doch niemandem. Denn ich bedenke in rhythmischen Wiederholungen, was ich dir zu denken und zu glauben zugestehe. Über mich. Über geteilte Zeit. Über die Art und Weise, wie mein Haar an einem stürmischen Tag der Ordnung trotzt.
Ich baue Türme aus deinen vermeintlichen Gedanken, nur um sie nieder zu reißen in eine Ahnung von Asche und dem glimmenden Nachhall einer einstigen Glut.

Wer bin ich, wenn nicht das, was deine Gedanken aus mir machen?

Schlaflos umreiße ich Unterhaltungen. Belebe ich Vergangenes, nur um zu verachten, was ich glaube, dass du wissen könntest über meine Gedanken, die so unbedacht gewesen sind.
Stille Post spiele ich. Mit mir selbst. Und die Quote für Missverständnisse ist hoch, bedenkt man, dass Gedanken so leise und oft so unbemerkt sind.
Der Fehler entwickelt sich wie ein Polaroid. Langsam gewinnen die Konturen an Schärfe und Relevanz.
Am Ende bin ich bestürzt vom Gedanken, den ich denke, dass du ihn über mein Denken gedacht haben könntest.
Lange Arme verlangen nach dem Ausfindigmachen des Schuldigen! Wer versagte, wer missverstand? Alles ist so viel größer, als mein überforderter Kopf zu denken wagt.
Und am Ende bleibe nur ich. Und das Missverständnis.

(vom 21. Dezember 2011)

Rindswurst-Mensch

Schlagwörter

, ,

Man versagt und findet sich damit ab. Fühlt sich in jeder Gesellschaft fremd, doch alleine noch fremder. Irgendwie ist man anders als die anderen. Nicht dieses geheimnissvolle, rebellische und intelligente Anders, sondern eher das merkwürdige unaussprechliche Anders. Als trüge man ein Kostüm aus Rindswürsten, das jedem sofort als sozialer Keil offensichtlich ist, auch einem selbst. Aber man ist eben schon so lange Rindswurst-Mensch, als dass man daran noch etwas zu ändern versuchen würde.
Während andere aus meiner, zugegebenermaßen recht selektiven, Perspektive nur der Erfolg umspült, sitze ich im Ausguss und wühle in den fälschlich hier hineingeratenen undefinierbaren Brocken. Brocke sei Mensch, sei Chance oder großes Gefühl. Hier unten riecht alles gleichermaßen nach feuchter Fäulnis.
Versagen ist ein seltsames Gefühl. Ein als-hättest-du-das-je-schaffen-können und ein was-kann-ich-überhaupt gewürzt mit einer überheblichen Prise ich-habe-nur-versagt-weil. Das ganze schmeckt nach den Brocken im Ausguss, ich sag’s euch.
Und immer wieder bin ich verführt. Werde ich mir das Versagen je versagen können?

Aufwachen.

Es ist, als würde jedes Wort rückwirkend die Zunge verbrennen. Man erfasst, was man sagte und fühlt sich unglaublich beschämt und angewidert zurückgelassen. Man ist peinlich, ist aufdringlich und suspekt, der Charakter verwest hinter dem, was man so angestrengt ist. Man passiert und obwohl es sich anfühlt, wie ein Autounfall, kann man es nicht ändern, denn je krampfhafter man versucht, Kontrolle auszuüben, desto beschämender und unangenehmer empfindet man sich selbst. Während man den Hörer auflegt und einen das volle Ausmaß der leeren Worte und dummen Witze, die man freiließ langsam umspült, kriecht der Selbsthass aus seinem Versteck direkt unter der Brust und beißt sich an der Kehle fest, macht das atmen so schwer. Die Fassungslosigkeit darüber, wie unmöglich man sich gemacht hat, flimmert wie tausende Insekten vor dem Blickfeld. Die schweren Arme heben sich und obwohl man mit aller Kraft auf den eigenen Kopf einschlägt, fühlt man nichts außer dieser Unzugehörigkeit, dieser Scham über die eigene Person. Belügt man sich doch stets selbst mit dem scheinheiligen Gedanken, man wäre eigentlich ganz anders, als von außenstehenden wahrgenommen, fällt dieses Lügenkonstrukt über einem zusammen und man ist für einen Moment nichts mehr, außer die Verzweiflung über das eigene Ich. Die Kopfhaut ist ganz taub, über dem Auge ein selbst beigebrachter blauer Fleck, Kopfschmerz, weiß man nicht mehr, wie lange man so vor dem aufgelegten Hörer saß und sich die Verzweiflung um die Ohren schlug. Geisterhaft beinahe schwebt man ins Bett, in dem es kalt ist. Keine Decke vermag diese Kälte zu vertreiben, die aus den Augen tropft. Bald liegt man in einer Lache aus schleimig stinkiger Ohnmacht, tausende Insekten bohren sich durch die fahle Haut, Maden kriechen in Mund und Nase und in dieser besten denkbaren Gesellschaft schläft man ein.
Nur das Aufwachen, das fürchtet man.

Vielleicht

Vielleicht bin ich lieber ein Niemand für dich, als ein Jemand.
Vielleicht macht mir das gar nicht so viel aus.
Vielleicht habe ich bereits viel zu viele Worte ungehört an dich gerichtet.
Vielleicht sind meine Albträume die größten Träume, auf die ich hoffen kann.
Vielleicht schmeckt dieser Abend einfach so.
Vielleicht ist dieses Gefühl die Realität.
Vielleicht ist mein glücklich so traurig.
Vielleicht gibt es einen Grund für all diese Dinge, die mich verwirren.
Vielleicht ist das gar nicht mein Blut.
Vielleicht sind meine Probleme nichts im großen Vergleich.
Vielleicht machen Machtlosigkeit und Ohnmacht so wütend.
Vielleicht rieche ich dich aus purer Verzweiflung mitten in der Nacht.
Vielleicht träume ich von ihrer Liebe, weil du glücklich sein sollst.
Vielleicht ist dieser Wein nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Vielleicht interessiert mich das alles überhaupt nicht.
Vielleicht bin ich einfach nur so distanziert, weil ich dir so gerne nahe wäre.
Vielleicht bin ich es einfach satt.
Vielleicht habe ich diesen Schmerz verdient.
Vielleicht schmeckt Beton nach Zuckerwatte.
Vielleicht sollte ich die Zigarette auf meinem Herz ausdrücken.
Vielleicht bin ich zu gut für diesen Scheiß.
Vielleicht ist das Bullshit.
Vielleicht.
Vielleicht bin ich ein Chaos, das du nicht aufräumen möchtest.
Vielleicht ist mir das alles egal.
Mit Sicherheit bin ich zu betrunken für einen Blogeintrag.

Was ungesagt blieb.

Beizeiten tippe ich schneller, als ich denke. Kennt Ihr. Nun habe ich seit ein paar Wochen all diese vorschnell getippten, aber aus rationalen Gründen nie versandten Nachrichten gesammelt und setze sie nun vollkommen zusammenhangslos ins Internet. Warum? Weil sie es verdient haben, gesagt zu werden. Nur war vielleicht der richtige Moment für sie nicht gekommen, schon vorbei oder es fehlte schlichtweg der Mut. Bei anderen fehlte sicherlich auch der logische Konsens, aber das ist bei mir nun nicht weiter verwundernswert, oder?

„Sie ist kunterbunt. Eine Hure. Schön, abstoßend und sie macht mir verdammt viel Angst, meine Liebe zu dir.“

„Nicht, dass es mir wichtig wäre, was du denkst. Deine Gedanken sind Gift für mich.“

„Der Regenbogen führt nicht in den Goldtopf. Er führt nur immer zum nächsten Regenbogen. And Again. And Again. Und die Hunde, die sagen, der Weg sei das Ziel, die jage ich mit brennenden Fackeln.“

„Ich bin in Louisa. Wer nennt bitte einen Ort so? Ich will das nicht sagen müssen. „Ich bin in Louisa.“ Örghs.“

„Weißt du, wir müssen uns zu keiner Konversation quälen. Ein schöner sauberer Schnitt und du hast all deine tollen interessanten Menschen, die Spielchen mit dir spielen und ich habe meine verfickte Ruhe vor meinen Gedanken, dich mit jeder Nachricht zu nerven.“

„Das tat weh.“

„Weißt du eigentlich, wie wichtig du mir bist?“

„Wäre ich eine Backware, wäre ich ein Hefezopf. Ein gediegener, breiter Hefezopf mit Ambitionen zu mehr.“

„Ich habe gerade keine Ahnung, wo ich bei dir stehe.“

„Ich will nicht, dass du kommst. Ich will mich nicht fühlen, als seien meine Gefühle ungerechtfertigt.“

„Wärst du jetzt hier, wäre alles besser.“

„Nerv nicht.“

„Ich halte so verzweifelt fest, dass ich mir wie diese seltsamen Kobolde aus den 90ern vorkomme. Diese hässlichen mit den bunten Haaren. Und das macht alles nur noch viel dunkler und verdrehter. Dark’n’twisty Bitch.“

„Du bist ein Lied, das ich immer wieder hören möchte, weil es mich glücklich macht, erfüllt. Aber je häufiger ich es höre, desto mehr Sprünge bekommt die Platte.“

„Näh. Wenn ihr weggeht, komm ich nicht mit. Menschen. Pfui. Bäh. Ih. Falls ihr euch umentscheidet, wartete ich auf meiner nichtvorhandenen Recamiere in Divapose auf euch und ne Flasche Gin.“

„Du bist plötzlich eine halbe Welt entfernt und ich hasse es. Vielleicht ist es das, was mich gerade so wahnsinnig macht.“

„Wir haben also keinen Plan? Gut. Lass uns nach Amsterdam fahren, nie mehr wieder kommen und und bitches wegcocken!“

„Clyde, was hält dich dort, wo du gerade bist?“

Und wenn ich falle, weine ich vor Glück.

Es bedurfte Ihrer Zerstörung nicht mehr, als Männer und Essen. Männer, die ihr immer und immer wieder erneut die Motivation gaben, sich zu Grunde zu richten und Essen, um dies schlussendlich zu tun. Des einen Übermaß führte stets zu des anderen Reduktion und perverserweise fügte sie sich diesem Spiel, denn, obschon niemand die Regeln besser kannte, als sie selbst, zog sie stets und ständig die Nieten, ging nie über Los, kassierte also auch nie 4000 Mark und landete allerhöchstens wegen den, durch die gewählten Zerstörungsmethoden entstehenden Kosten im Gefängnis der Geldlosigkeit.
Schöne Scheiße.
Ihre Mutter pflegte über das süße Deo zu lästern, dass sie mit Vorliebe verwendete, scherzte, deshalb werde sie überdurchschnittlich häufig von Wespen gestochen. Sie allerdings war sich sicher, dass diese Biester nur instinktiv wussten, das bei ihr jeder Stachel zum Zug kommt.
Der Gin in Ellies Glas wurde langsam warm, während sie, den Laptop auf dem Schoß und auf dem Balkon die sterbenden Lichter des Kuhdorfs, in dem sie lebte, betrachtend, über das Wunder der Selbstzerstörung sinnierte. Mit den Zähnen fischte sie die Olive aus dem Alkohol und schickte sie im Ganzen auf die einsame Reise durch den Verdauungstrakt des Körpers, der da unter ihrem Kopf begann. In einen Gin gehört keine Olive; die untersteht einzig und alleine dem Martini! Das wusste sie, allerdings fühlte sie sich beim Gedanken, unpassendes und grausiges zu erschaffen wohl, denn so wie die Olive nicht in den Gin, gehörte dieser Körper nicht zu ihr. Beides mögliche Unmöglichkeiten. Depersonalisierung, denn alles, was sich außerhalb ihrer weitläufigen Gedanken in der Welt des Greifbaren befand und von anderen als sie identifiziert wurde, wusste sie nicht auch nur im Geringsten mit sich selbst in Einklang zu bringen. Sie war Interimsherrscherin über dieses seltsame Land, dass ihr feindlich gesonnen war und sich mit Haaren, Unförmigkeit und Fettzellen gegen die Vernachlässigung wehrte, die sie ihm Zuteil werden lies. Oh, wie sie all das hasste. Jede Restriktion wurde mit Demonstration und Bürgerkrieg beantwortet, weil das niedere Volk die unglaublich komplexen und tiefgreifenden Beweggründe einfach nicht nachvollziehen konnte. Unverstandene Königin, die sie war, stand sie also über allem, verordnete Hunger und Bevölkerungsverminderung und diese Idioten fühlten sich natürlich mal wieder im Unrecht und sahen einfach nicht, dass sie im Sinne des Volkes handeln wollte – doch jeder Fortschritt wurde untergraben. Wenn Frau Merkel, beschuldigt und angeklagt, über den Bildschirm des alten Röhrenfernsehers huschte und entschuldigend schuldig dreinblickte, nickte Ellie oft verständnisvoll, denn sie wusste, wir undankbar dieser Job war, über ein Land zu regieren, dass immer nur böses wittert, alle Anweisungen und Steuererhöhungen verweigerte.
Der Cursor blinkte arbeitswillig vor sich hin, doch sie wartete seit Stunden vergebens, dass sich einer der Kontakte aus ihrer Facebook Chatliste dazu erbahrmte, sie aus ihrer Melancholie zu reißen, und so fixierte sie nur abwechselnd den Kadaver ihrer Stadt und den Puls des Cursors. Tatsächlich geschah so einiges, sicherlich schon fünf Fenster waren aufgeploppt und starrten sie anklagend an, doch waren es einfach nicht die richtigen Leute für diesen Tag, diesen Moment. Mit Sicherheit wohlwollendere, aufrichtige und tatsächlich an Ellie interessierte, aber eben nicht genau diese eine spezifische Person, von dessen Aktion sie im Wahnwitz ihre Erlösung abhängig macht.
Seufzen. Achtloses Zuklappen des Laptops mit anschließendem Fallen über dessen Ladenkabel beim Versuch, mit Ginglas, Laptop und mehreren über den Tag angelesenen Büchern gleichzeitig auf dem Arm in die Wohnung zu laufen.
Ob es nun am Alkohol lag, an der Plötzlichkeit des Sturzes oder an dem geringen Zugehörigkeitsgefühl ihrers Geists zu ihrem Körper, sie spürte vom Aufprall nicht sonderlich viel. Aber das zerberstende Glas schallte schmerzvoll in ihren Ohren und beim langsamen Aufrichten realisierte sie, dass nun nicht nur der Gin, sondern auch gut die Hälfte des Glases in ihrem Körper verteilt war. Beschissenes Kabel. Ein Wutanfall durchzuckte sie und mit flammenden Beschimpfungen degradierte sie das Laptopkabel zum Erzfeind. Stellvertretend für Paul bekam nun die schwarze Kunststoffschlange allen angestauten Hass des heutigen Tages ab und während sie Scherbe für Scherbe aus ihrem Fleisch puhlte, verdammte sie sich selbst dafür, dass er ihr wortlos soviel Schmerz zufügen konnte. Eigentlich war es egal, ob er sie nun anschrieb oder nicht, er verletzte sie mit beidem, doch noch schlimmer, als sie mit einem flüchtigen Hallo für den Rest des Tages vom Facebooktab abhängig zu machen, war, online zu sein, und sich gar nicht bei ihr zu melden. Ihr Laptop hatte den Sturz gottseidank heil überlebt, war er ja auch weich auf ihrem Bauch gelandet und sogleich sorgsam inspiziert worden, bevor man wenigstens erleichtert die Technik als Siegerin dieses Intermezzos küren konnte. Der Blutgeruch machte sie ganz düselig und während sie monologisierte und weiterhin das Altglas aus ihren Armen entfernte, riss eine winzige Bewegung auf dem Monitor sie aus ihrem Wutanfall. Sie sah es nur ganz verschwommen aus den Augenwinkeln und es dauerte auch nur einige Sekunden, doch auf kaum etwas war ihr Körper so unglaublich präzise konditioniert, wie auf das erspähen von einem blinkenden Facebookchatfenster.
Ohne Rücksicht auf Verluste stürzte sie mit, vor feinsten Glasfragmenten funkelnden und vor Blut tropfenden Händen auf die Tastatur und rutschte wegen der Flüssigkeit und der Hektik zunächst etwas unbeholfen auf dem Touchpad herum, bis sie endlich den Cursor am rechten Fleck hatte, um mit einem beruhigenden Ausatmen und einem bestimmenden Klick lesen zu können, was das blaue verheißungsvolle Blinken zu verbergen wusste, wie eine rote Samtdecke edelste Juwelen vor deren bewunderter Enthüllung.

Während sie seine Worte las, wusste sie, weshalb er sie angeschrieben hat. Wusste sie, was er damit bewirken will. Wusste sie, wie sie ihre eigene Antwort und die darauffolgenden Konsequenzen verletzen werden. Wusste sie, wie sehr sie es genießen wird, sich durch seine Begierde und ihre aufrichtigen Wünsche nach Nähe und Liebe zerstören wird.
Und Ellie wusste auch, dass Paul sich keinerlei Gedanken um Ursache und Wirkung seiner Worte gemacht hatte, als er eintippte „Heute Abend Zeit?“

Aschenpummel

Aschenpummel
Es war einmal ein Aschenpummel, das lebte mit seinen beiden magersüchtigen Stiefschwestern und ihrer Stiefmutter, die eine Bonbonfabrik besaß, im Haus, das früher einmal ihrem Vater gehört hatte, der sich jedoch vor geraumer Zeit umgebracht hatte.
Aschenpummel war ein sehr unglückliches Mädchen und aß aus Frust über ihre eigene Isolation und die Hänselein in der Schule wegen ihrer enormen Körperfülle ziemlich viel. Sie durfte, im Gegensatz zu ihren Stiefschwestern nicht viel und musste häufig für ihre Stiefmutter in der Bonbonfabrik arbeiten, was dazu führte, dass sie schnell auf Kleidergröße 50 anwuchs, da sie in den einsamen Hallen der Fabrik viele Bonbons aß. Es stand eine ätzende Familienfeier bei der adeligen Familie ihrer Stiefmutter an und wie immer hatte Aschenpummel keinerlei Motivation, an sozialen Events teil zu nehmen, wurde aber von ihrer Stiefmutter dazu gezwungen, weshalb sie betrübt vor ihrem Computer saß und sich im Internet in einem Chat ausweinte.
Sie fühlte sich jetzt schon wie der Elephant auf dieser Feier und versank in Depressivität, als sie plötzlich von jemandem angeschrieben wurde, der Schneider für Übergrößen ist und bereit war, ihr ein schönes Kleid für die Feierlichkeit zu nähen, damit sie sich nicht allzu schlimm fühlte. Sie war ein wenig erleichtert und als der Tag der Feier anstand fühlte sie sich eigentlich recht positiv gestimmt. Doch ihre bösen magersüchtigen Stiefschwestern lästerten über ihr Kleid und fragten sie die ganze Fahrt über, ob sie denn noch mehr zugenommen hätte, weil sie in dem Kleid so dick wirke.
Das nahm Aschenpummel wieder alle Hoffnung und auf der Feier traute sie sich nicht, die Ecke neben dem Buffet zu verlassen und schon gar nicht, auch nur einen Fuß auf die Tanzfläche zu setzen. Sie unterhielt sich nett mit einem unglaublich gut aussehenden Typen, der von der ganzen Schickerie ebenso genervt war, wie sie und Aschenpummel konnte gar nicht glauben, dass jemand wie dieser Kerl mit ihr sprache. Es stellte sich plötzlich heraus, dass dieser nette Typ der Prinz eines fernen Landes war, der von seiner Mutter dann genötigt wurde, zu tanzen, weshalb er Aschenpummel fragte, ob diese denn nicht möchte. Sie konnte es gar nicht glauben und freute sich, mit dem Prinzen tanzen zu dürfen, als sich herausstellte, dass Aschenpummel gar nicht tanzen kann. Ständig trat sie dem Prinzen auf die Füße und peinlich berührt stürmte sie aus dem Saal.
Der Prinz rannte ihr hinterher und da Aschenpummel nicht gerade sportlich war, holte er sie auch schon bald ein, trat jedoch auf ihren Unterrock, in welchem er sich verhedderte. Der Unterrock rutschte runter und Aschenpummel konnte dem fallenden Prinzen entkommen.
Weil der Unterrock alles war, was der Prinz von Aschenpummel besaß machte er sich damit auf die Suche, seine Traumfrau wieder zu finden, die soziale Events ebenso ätzend findet, wie er und die genauso viel Wert auf gutes Essen legte. Es war eine mühsame Suche, er ging von Haus zu Haus im ganzen Lande und die magersüchtigen Schwestern von Aschenpummel versuchten, innerhalb kürzester Zeit genug Gewicht zuzunehmen, um in den Unterrock zu passen. Da ihre Körper die Aufnahme von Nahrung jedoch nicht gewohnt waren, bekamen sie schlimmes Reizdarmsyndrom und Pickel und verloren sogar noch Gewicht.
Der Prinz kam auch zum Haus von Aschenpummel und stellte schnell fest, dass Aschenpummel das Mädchen war, mit dem er am Abend der Feierlichkeit getanzt hatte und siehe da, der Unterrock passte!

Von da ab lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage und wenn sie nicht an Diabetis und Bluthochdruck gestorben sind, dann essen sie noch heute und scheißen auf gesellschaftliche Ideale.

Wenn ich als Kind krank war

Wenn ich als Kind krank war, und selbst, wenn es nur ein Tag war, war das Zurückkehren in die Schule stets einer Mutprobe gleich.
Denn nur durch die körperliche Anwesenheit konnte gewährleistet werden, dass die geliebten Mitschüler und die Freunde unter diesen nicht vergaßen, dass man existiert. Wenn man wieder da war, war alles verändert, die Welt auf dem Kopf. Paramecium sprach mit E.Coli, obwohl die beiden doch sonst nur durch mich überhaupt Kontakt hatten! Influenza tauscht heute Zettelchen mit Paramecium und sie lachen verstohlen, ohne mich teil haben zu lassen.
In der Pause steuern alle zielstrebig von dannen, an Plätze, an denen man mit ihnen noch nie gewesen ist, an Orte, an welchen man der Eindringling ist, die Fremde.
Die Welt ergraut, man selbst der ein einsamer Faden in diesem Geflecht aus Menschen, jegliche Verbindung gelöst und das, ach, obwohl man doch nur einen einzigen Tag lang gefehlt hat. Weggegangen, Platz vergangen. Ziellos versucht man die neue Konzentration im Gemisch der Gesellschaft auszugleichen, doch weiß man weder, was fehlt und wovon es zuviel gibt. In nur einem Augenschlag hat sich augenscheinlich alles verändert, die gewohnte Position in dieser Gruppe, und war sie auch noch so niedrig und nichtig, hat sich verflüchtigt und selbst, wenn man sich zuvor einsam und ausgestoßen gefühlt hat, so das Gefühl, nicht zu wissen, ob es überhaupt in dieser Menschenmenge einen Platz für einen ist, noch viel viel schlimmer.
Traurige Welt, in der man in Kürze König oder Bettler sein kann. Beschämende Welt, in der man Verliert, was man nicht besitzt.
Und so habe ich mich nie getraut, als Kind in der Schule zu fehlen, bis zu diesem einen Tag, Untergang.

Seit diesem Moment ist es mir nie mehr gelungen, meinen Platz in dieser Klasse zu definieren. Seitdem fürchte ich mich vorm Wegbleiben aus Gruppen, da es für Menschen wie mich nie wieder ein zurück gibt. Wir werden vielleicht nicht einmal verloren, wir verlieren uns aber einfach selbst. Ein bisschen Schwund gibt’s immer.

Wenn ein großes Molekül ein Atom verliert, ist es ihm ziemlich gleich, ob es nun das selbe Wasserstoff ist oder eben nur eines seiner Art…

Dein Name.

Dein Name ist nichts Besonderes. Er ist ein gewöhnliches Zerwürfnis aus Buchstaben, tausendmal gehört, gelesen, gesagt und überhört. Niemand verzieht überrascht oder neugierig das Gesicht, erfüllt der Klang deines Namens seine Ohren. Vom massiven Beschuss mit deinen Namen war ich sogar recht lange genervt, verband mit diesem Wort nur eine große Masse an Menschen, die sich um ihn rissen, ihn für sich beanspruchten und dennoch notgedrungen teilen mussten.
Seit ich dich kenne, ist jedes einzelne Molekül, dass ich ausatme, während ich deinen Namen sage, jeder Impuls, den mein Gehirn schaltet, während ich ihn denke, etwas Außergewöhnliches. Ein Fest, das niemals endet, ein Sonnenuntergang in lila, rot, gelb und blau. Wahnsinn, der nach Zuckerwatte schmeckt. Schnappe ich zwischen den zerrissenen Zeilen des Songs, den ich gerade höre, in der U-Bahn die Kette der Buchstaben deines Namens auf, drehe ich instinktiv den Kopf. Lese ich ein noch so unwichtiges Schriftstück, halluzinieren meine Augen deinen Namen zwischen die Zeilen. Und lese ich Kafkas Meisterwerke, dicke Wälzer der Naturwissenschaften, höre Bachs Klassiker… überall phantasiere ich deinen Namen.
Als hättest du einem schlichten weißen Shirt, dem man keinerlei Beachtung geschenkt, auf ewig deinen Duft angehängt, es zu deinem Symbol gemacht, welches zu Suchen der Sinn meines Lebens ist. Als hätte ich in deinen Augen erkannt, dass das dein Name das einzig wahre Synonym für Glück ist; als hätte deine Art, ihn auszusprechen ein Schloss auf einem zuvor faden Grundstück errichtet.
Nun bist du überall. Jeder, der so heißt, wie du, dient als Reflexionsfläche für all die wundervollen Momente und Erinnerungen, die wir teilten. Eine Homage an jedes Lachen, das du mir schenktest und jede Träne, die du gesehen hast, bevor sie mein Auge erfüllte.
Manchmal, an diesen Tagen, an denen alles furchtbar ist, schnappe ich irgendwo diesen Namen auf, ganz zufällig, beiläufig und ohne Zusammenhang und du bist da.
Und plötzlich ist alles ein kleines bisschen weniger schlimm.

Erinnerung im Zeugenstand

Dann geht ein Mensch, den man liebt und man schaut ihm hinterher wie ein verlassener Hase, realisierend, was man alles falsch gemacht hat, was ungesagt starb, obwohl es hätte so groß wachsen können. Trotz der netten Floskel ‚auf Wiedersehen‘ hat der Abschied doch stets etwas Entgültiges und wenn man sein Haupt erschöpft ins Kissen legt, nach einem viel zu langen und zähen Tag des Abschied nehmens, hasst man sich wegen allem, was man nicht zur rechten Zeit hatte formulieren können und knechtet sich mit dem was man impulsiv gesagt aber nie so gemeint hatte.
Gehen ist immer wie Sterben, denn auch hierbei ist oftmal alles, was bleibt, die vage Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit vor dem Schlagen der Uhr.
Schlagen, schlagen und scheinbar auf ewig nehmen.

Und nun ist man fassungslos, hilflos ohne einen Fixpunkt an den weißen Wänden, die einen umgeben und von denen man sich soviel sterile Wirklichkeit erhoffte, dass man abdriftet. Besessen gibt man sich dem was wäre wenn hin. Aber schlussendlich sind wir alle nur kleine Mädchen, die sich vor dem Friedhof allein aufgrund der allgegenwärtigen Präsenz des Todes – des Unbeschreiblichen -, nicht aufgrund eines Toten selbst – den kalten Fakten – fürchten. Angst davor ein verblassendes Bild in einem staubigen Album tief im feuchten Keller der Vegangenheit zu werden.

Wo bist du, liebe Erinnerung, liebe Zeit…
Weg weg immer weg, wenn ich dich in den Zeugenstand rufe.

(April 2010)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 36 Followern an